„Guten
Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein…“, singt Peter Fox in „Schwarz zu
blau“, und der Schriftsteller Daniel Kehlmann (der in Berlin und Wien lebt)
sagte einmal in einem Interview, Wien sei eine schöne Stadt, Berlin sei eine
nicht sehr schöne Stadt.
Leider
muss man Daniel Kehlmann beipflichten. Berlin ist keine Schönheit. Jedenfalls
nicht im Vergleich zu Städten wie Prag, Paris, Rom, Florenz oder Krakau. Trotzdem
besuchen jährlich Millionen Touristen die deutsche Hauptstadt – wegen ihres
Stadtbildes kann es nicht sein. Zugegeben, Berlin hatte nie die Altstadt Prags,
auch konnte die Stadt nie mithalten mit deutschen Vorzeigestädten wie Dresden.
Dort fand man filigranen Barock, in Berlin nur wuchtige preußische
Protzarchitektur. Doch sprach man Berlin früher eine Ähnlichkeit mit St.
Petersburg zu, was durchaus ein Kompliment ist. Damit war es spätestens 1943
vorbei, als die Alliierten die ersten Großangriffe auf Berlin flogen. 1945
glich die Stadt einer Mondlandschaft – das alte Berlin gab es nicht mehr.
Übrigens: Keine deutsche Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg so häufig angegriffen
wie die damalige Reichshauptstadt. Andererseits war in Städten wie Dortmund
oder Köln der Zerstörungsgrad höher als etwa in Dresden – und auch höher als in
Berlin.
Nur noch wenige
architektonische Höhepunkte
Zwar
verfügt Berlin heute noch über ansehnliche Gründerzeitviertel, z.B. in
Prenzlauer Berg oder in Schöneberg und Kreuzberg, ja sogar über eine kleine Altstadt
in Köpenick, doch die einstige Historische Mitte mit den wirklich sehr alten Wohnhäusern
und Gassen sowie mit dem Stadtschloss existiert nur noch auf Bildern. Sonst
herrscht Tristesse rund um den Alexanderplatz, den Hausvogteiplatz und das
Nikolaiviertel. Mehr schlecht als recht wurden zur 750-Jahr-Feier einige Häuser
an der Fischerinsel rekonstruiert, doch sonst fallen einem dort eher die
Hochhaussiedlungen auf, als die Bürgerhäuser an der Nikolaikirche. Auch fristet
die Marienkirche neben dem Fernsehturm ein trauriges Dasein. Einzig die
Museumsinsel hat es wegen ihrer Pracht zum UNESCO-Welterbe gebracht. Die
wenigen architektonischen Höhepunkte, auf die Berlin bauen kann, sind der Berliner
Dom (Domkirche), das Brandenburger Tor, das Schloss Charlottenburg, das Rote
Rathaus, der Französische und Deutsche Dom sowie das Konzerthaus am Gendarmenmarkt
und eben die Museumsinsel. Immerhin, soviel bieten andere deutsche Großstädte
nicht mehr. Dennoch: Einstige Prachtstraßen wie Unter den Linden, die
Friedrichstraße und der Kurfürstendamm machen nicht mehr viel her. Der
Hackesche Markt hat keinen Charme, der Potsdamer Platz ist eine einzige
Katastrophe und besonders die Umgebung um den Alexanderplatz herum erinnert
eher an sozialistische Trabantenstädte als an die Schilderungen im
gleichnamigen Roman von Alfred Döblin. Zu dieser Zeit war der „Alex“ ein dicht
bebauter Platz mit Cafés, Theatern und kleinen Geschäften. Heute überwiegt
architektonisch gesehen triste Leere, die wenigen Gebäudekomplexe (anders kann
man diese Kaufhäuser nicht nennen) sind ein abschreckendes Beispiel, als wolle
man den Bewohnern und Besuchern sagen: Bloß schnell weitergehen!
Abriss bis in die
1990er
Was
die Bomben im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört haben, wurde von den
Stadtplanern der Nachkriegszeit platt gemacht. Vieles wäre durchaus zu retten
gewesen. Nicht nur das Stadtschloss, auch die Deutsche Oper und das
Schillertheater sowie etliche Häuser am Breitscheidplatz. Doch Berlin erging es
nicht besser als anderen Großstädten und als könne man das Grauen des Krieges
einfach verschwinden lassen, wurden teilzerstörte Bauwerke abgetragen und durch
gesichtslose Betonklötze ersetzt – in der DDR aus ideologischen Gründen, in der
BRD im Sinne der modernen, autogerechten Stadt. Schlimmer noch ist die
Tatsache, dass intakte Häuser, die Weltkriege überstanden hatten, für
Parkplätze weichen mussten, die es heute schon gar nicht mehr gibt. Man könnte
meinen, der Bombenkrieg kam den Stadtplanern gerade recht und in der Tat sah
auch Hitler keinen Sinn in Altstädten wie Regensburg. Alles Alte musste
weichen, der Blick starr nach vorn gerichtet. Während die Polen ihre Altstädte
liebevoll und nahezu detailgetreue wieder aufgebaut haben, entschieden sich die
Stadtplaner in Deutschland für Brachial-Architektur. In Berlin-Spandau etwa
wurden noch bis in die 1990er Fachwerkhäuser in der Marktstraße niedergerissen
und durch einfache Betonhäuser ersetzt, die nicht die Qualität der Vorbauten
haben. Historische Bürgerhäuser, die den Bombenkrieg überstanden hatten,
mussten weichen für große Kaufhäuser – Konsum statt Kleinstadtidylle. Auf den
Denkmalschutz wurde gepfiffen, der deutsche Spießbürger ließ sich zu einem
Protest nicht hinreißen. Dass man heute noch von einer Spandauer Altstadt spricht,
ist eine Frechheit.
Oberflächlichkeit
schlägt Pracht
Die
Gegenwart versprüht wenig Hoffnung. Brachflächen werden heute zugepflastert mit
Bauwerken aus Glas und Stahl, die historisch nicht zu Deutschland passen und
die keine Rücksicht nehmen auf die ehemalige Bebauung, die in den Reiseführern
aber als architektonische Höhepunkte gepriesen werden. Amerikanische
Architekten geben der Stadt ein Gesicht, das nichts mehr zu tun hat mit dem
alten Berlin, das geprägt war von deutschen Baumeistern wie Schinkel, die zu
Recht diese Bezeichnung trugen. Die von ihm entworfene Bauakademie neben dem
künftigen neuen Stadtschloss, die im Krieg nur leicht beschädigt, aber dennoch
abgerissen wurde, soll rekonstruiert werden. Momentan steht an ehemaliger
Stelle ein Modell der Akademie, das selbst als Pappmaché den architektonisch
misslungenen Bau des Innenministeriums gegenüber beschämt.
Das
Grauen geht weiter und dehnt sich aus auf die Vorstädte. Wo früher stattliche
Villen gebaut wurden, müssen wir zunehmend einfallslose, biedere, ja hässliche
Einfamilienhäuser ertragen. Den Bauherren (oder die Baudame) scheint es nicht
zu stören, dass den Architekten der Sinn fürs Ästhetische abhanden gekommen
ist.
Berlin
ist mittlerweile eine Stadt für Liebhaber moderner Glas-, Stahl- und
Betonwürfel. Davon scheint es jedenfalls unter Architekten und Auftraggebern
genug zu geben. Gleichzeitig dient die Stadt als abschreckendes Beispiel für
misslungene Baukunst, besonders um den Hauptbahnhof herum bis zum
Regierungsviertel, das architektonisch betrachtet ein Schlag ins Gesicht ist.
Früher wurden weder Kosten noch Mühen gescheut und die Bauherren zeigten mit
ihren Bauwerken Wohlstand und Macht, man denke nur an die großen Warenkaufhäuser
in Berlin-Mitte. Heute muss es schlicht sein und vor allem günstig, Banken
bauen sich keine repräsentativen Geschäftshäuser mehr, sondern schnöde
Hochhäuser nach amerikanischem Vorbild.
In
Dresden ist es gelungen, um die Frauenkirche herum einen Marktplatz nach
historischem Vorbild zu gestalten, wenn auch mit einigen Kompromissen. Die
Berliner dürfen gespannt sein, was sie um den neuen Schlossplatz herum
erwartet. So konsequent wie die Dresdner werden die Stadtplaner in Berlin wohl
nicht sein. Man sollte keine Wunder und keine Schönheit erwarten. Dann doch
lieber zum Feiern oder Einkaufen in die Hauptstadt kommen. Oder gleich in
Friedenau durch die Seitenstraßen flanieren und staunen über das Können
wirklich fähiger Baumeister. Doch Vorsicht: Hier wird einem besonders bewusst,
was Berlin für immer verloren hat.
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