Dienstag, 23. Juni 2015

Berlin - Keine schöne Weltstadt

„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein…“, singt Peter Fox in „Schwarz zu blau“, und der Schriftsteller Daniel Kehlmann (der in Berlin und Wien lebt) sagte einmal in einem Interview, Wien sei eine schöne Stadt, Berlin sei eine nicht sehr schöne Stadt.

Leider muss man Daniel Kehlmann beipflichten. Berlin ist keine Schönheit. Jedenfalls nicht im Vergleich zu Städten wie Prag, Paris, Rom, Florenz oder Krakau. Trotzdem besuchen jährlich Millionen Touristen die deutsche Hauptstadt – wegen ihres Stadtbildes kann es nicht sein. Zugegeben, Berlin hatte nie die Altstadt Prags, auch konnte die Stadt nie mithalten mit deutschen Vorzeigestädten wie Dresden. Dort fand man filigranen Barock, in Berlin nur wuchtige preußische Protzarchitektur. Doch sprach man Berlin früher eine Ähnlichkeit mit St. Petersburg zu, was durchaus ein Kompliment ist. Damit war es spätestens 1943 vorbei, als die Alliierten die ersten Großangriffe auf Berlin flogen. 1945 glich die Stadt einer Mondlandschaft – das alte Berlin gab es nicht mehr. Übrigens: Keine deutsche Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg so häufig angegriffen wie die damalige Reichshauptstadt. Andererseits war in Städten wie Dortmund oder Köln der Zerstörungsgrad höher als etwa in Dresden – und auch höher als in Berlin.

Nur noch wenige architektonische Höhepunkte

Zwar verfügt Berlin heute noch über ansehnliche Gründerzeitviertel, z.B. in Prenzlauer Berg oder in Schöneberg und Kreuzberg, ja sogar über eine kleine Altstadt in Köpenick, doch die einstige Historische Mitte mit den wirklich sehr alten Wohnhäusern und Gassen sowie mit dem Stadtschloss existiert nur noch auf Bildern. Sonst herrscht Tristesse rund um den Alexanderplatz, den Hausvogteiplatz und das Nikolaiviertel. Mehr schlecht als recht wurden zur 750-Jahr-Feier einige Häuser an der Fischerinsel rekonstruiert, doch sonst fallen einem dort eher die Hochhaussiedlungen auf, als die Bürgerhäuser an der Nikolaikirche. Auch fristet die Marienkirche neben dem Fernsehturm ein trauriges Dasein. Einzig die Museumsinsel hat es wegen ihrer Pracht zum UNESCO-Welterbe gebracht. Die wenigen architektonischen Höhepunkte, auf die Berlin bauen kann, sind der Berliner Dom (Domkirche), das Brandenburger Tor, das Schloss Charlottenburg, das Rote Rathaus, der Französische und Deutsche Dom sowie das Konzerthaus am Gendarmenmarkt und eben die Museumsinsel. Immerhin, soviel bieten andere deutsche Großstädte nicht mehr. Dennoch: Einstige Prachtstraßen wie Unter den Linden, die Friedrichstraße und der Kurfürstendamm machen nicht mehr viel her. Der Hackesche Markt hat keinen Charme, der Potsdamer Platz ist eine einzige Katastrophe und besonders die Umgebung um den Alexanderplatz herum erinnert eher an sozialistische Trabantenstädte als an die Schilderungen im gleichnamigen Roman von Alfred Döblin. Zu dieser Zeit war der „Alex“ ein dicht bebauter Platz mit Cafés, Theatern und kleinen Geschäften. Heute überwiegt architektonisch gesehen triste Leere, die wenigen Gebäudekomplexe (anders kann man diese Kaufhäuser nicht nennen) sind ein abschreckendes Beispiel, als wolle man den Bewohnern und Besuchern sagen: Bloß schnell weitergehen!

Abriss bis in die 1990er

Was die Bomben im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört haben, wurde von den Stadtplanern der Nachkriegszeit platt gemacht. Vieles wäre durchaus zu retten gewesen. Nicht nur das Stadtschloss, auch die Deutsche Oper und das Schillertheater sowie etliche Häuser am Breitscheidplatz. Doch Berlin erging es nicht besser als anderen Großstädten und als könne man das Grauen des Krieges einfach verschwinden lassen, wurden teilzerstörte Bauwerke abgetragen und durch gesichtslose Betonklötze ersetzt – in der DDR aus ideologischen Gründen, in der BRD im Sinne der modernen, autogerechten Stadt. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass intakte Häuser, die Weltkriege überstanden hatten, für Parkplätze weichen mussten, die es heute schon gar nicht mehr gibt. Man könnte meinen, der Bombenkrieg kam den Stadtplanern gerade recht und in der Tat sah auch Hitler keinen Sinn in Altstädten wie Regensburg. Alles Alte musste weichen, der Blick starr nach vorn gerichtet. Während die Polen ihre Altstädte liebevoll und nahezu detailgetreue wieder aufgebaut haben, entschieden sich die Stadtplaner in Deutschland für Brachial-Architektur. In Berlin-Spandau etwa wurden noch bis in die 1990er Fachwerkhäuser in der Marktstraße niedergerissen und durch einfache Betonhäuser ersetzt, die nicht die Qualität der Vorbauten haben. Historische Bürgerhäuser, die den Bombenkrieg überstanden hatten, mussten weichen für große Kaufhäuser – Konsum statt Kleinstadtidylle. Auf den Denkmalschutz wurde gepfiffen, der deutsche Spießbürger ließ sich zu einem Protest nicht hinreißen. Dass man heute noch von einer Spandauer Altstadt spricht, ist eine Frechheit.

Oberflächlichkeit schlägt Pracht

Die Gegenwart versprüht wenig Hoffnung. Brachflächen werden heute zugepflastert mit Bauwerken aus Glas und Stahl, die historisch nicht zu Deutschland passen und die keine Rücksicht nehmen auf die ehemalige Bebauung, die in den Reiseführern aber als architektonische Höhepunkte gepriesen werden. Amerikanische Architekten geben der Stadt ein Gesicht, das nichts mehr zu tun hat mit dem alten Berlin, das geprägt war von deutschen Baumeistern wie Schinkel, die zu Recht diese Bezeichnung trugen. Die von ihm entworfene Bauakademie neben dem künftigen neuen Stadtschloss, die im Krieg nur leicht beschädigt, aber dennoch abgerissen wurde, soll rekonstruiert werden. Momentan steht an ehemaliger Stelle ein Modell der Akademie, das selbst als Pappmaché den architektonisch misslungenen Bau des Innenministeriums gegenüber beschämt.

Das Grauen geht weiter und dehnt sich aus auf die Vorstädte. Wo früher stattliche Villen gebaut wurden, müssen wir zunehmend einfallslose, biedere, ja hässliche Einfamilienhäuser ertragen. Den Bauherren (oder die Baudame) scheint es nicht zu stören, dass den Architekten der Sinn fürs Ästhetische abhanden gekommen ist.

Berlin ist mittlerweile eine Stadt für Liebhaber moderner Glas-, Stahl- und Betonwürfel. Davon scheint es jedenfalls unter Architekten und Auftraggebern genug zu geben. Gleichzeitig dient die Stadt als abschreckendes Beispiel für misslungene Baukunst, besonders um den Hauptbahnhof herum bis zum Regierungsviertel, das architektonisch betrachtet ein Schlag ins Gesicht ist. Früher wurden weder Kosten noch Mühen gescheut und die Bauherren zeigten mit ihren Bauwerken Wohlstand und Macht, man denke nur an die großen Warenkaufhäuser in Berlin-Mitte. Heute muss es schlicht sein und vor allem günstig, Banken bauen sich keine repräsentativen Geschäftshäuser mehr, sondern schnöde Hochhäuser nach amerikanischem Vorbild.

In Dresden ist es gelungen, um die Frauenkirche herum einen Marktplatz nach historischem Vorbild zu gestalten, wenn auch mit einigen Kompromissen. Die Berliner dürfen gespannt sein, was sie um den neuen Schlossplatz herum erwartet. So konsequent wie die Dresdner werden die Stadtplaner in Berlin wohl nicht sein. Man sollte keine Wunder und keine Schönheit erwarten. Dann doch lieber zum Feiern oder Einkaufen in die Hauptstadt kommen. Oder gleich in Friedenau durch die Seitenstraßen flanieren und staunen über das Können wirklich fähiger Baumeister. Doch Vorsicht: Hier wird einem besonders bewusst, was Berlin für immer verloren hat.