Ist die Rekonstruktion historischer Bauwerke und Plätze nun ein Fluch oder ein Segen für die Bewohner einer Stadt? Die Frage muss jeder für sich beantworten, meiner Meinung nach kann es kein Richtig und kein Falsch geben. Als Befürworter von Rekonstruktionen möchte ich möglichst objektiv auf einige Argumente der Rekonstruktions-Gegner eingehen.
Gegner von Rekonstruktionen historischer Bauwerke meinen, hinter einer Rekonstruktion verberge sich ein Bedürfnis nach Vergangenheit. In meinem Fall trifft es sogar zu, was ich nicht verwerflich finde. Vielmehr habe ich jedoch ein Bedürfnis nach Schönheit, die sich meiner Ansicht nach in den Bauwerken der Vergangenheit wiederfindet. Repräsentative Bauwerke entstanden früher nicht nur als Prestige-Objekte, sondern Geld spielte eine untergeordnete Rolle. Man konnte es sich erlauben, möglichst pompös zu bauen – und tat es auch.
Für mich sind Rekonstruktionen keine Geschichtsfälschung, denn zum einen ändert sich die Geschichte nicht dadurch, dass ich bedeutende Bauwerke wieder aufbaue, zum anderen wurden nach dem Krieg auch Bauwerke niedergerissen, die nur leicht oder gar nicht beschädigt waren, die wir heute jedoch schmerzlich vermissen. Beispiele: Das Berliner Stadtschloss oder das Alte Rathaus in Halle.
Die Kritik, dass es sich bei Rekonstruktionen oft um gesichtslose Attrappen handle, wird dadurch entkräftet, dass moderne Häuser fast ausnahmslos gesichtslos sind – kein Fassadenschmuck, keine Erker, kaum Spitzdächer, Glas und Beton statt Ziegel oder Sandstein. Dass postmoderne Architektur nicht gern gesehen ist, haben die Architekten der 1950er bis 1980er selbst verschuldet. Man vergleiche einmal die neue Ulmer Innenstadt mit der Regensburger Altstadt.
Dass ich damit nicht allein da stehe, erkenne ich daran, dass Vereine wie die Gesellschaft Historischer Neumarkt oder Pro Altstadt Frankfurt viele Unterstützer finden, und dass besonders Altbauten in Deutschland begehrt sind bei Mietern und Eigentümern. Mieter suchen meist nach Altbauten, kaum jemand sucht Hände ringend nach Neubauwohnungen im Stil der 1950er oder 1960er Jahre mit niedrigen Decken, kleinen Räumen und Linoleumboden. Nicht zuletzt die zahlreichen Touristen, die jährlich die Altstadt in Prag, Heidelberg, Goslar, Bamberg oder Krakau besuchen, sprechen für sich.
Der Vergleich mit (einem) Las Vegas oder Disneyland hinkt meiner Ansicht nach gewaltig. Mag sein, dass es sich bei einigen Rekonstruktionen um Fassaden mit moderner Inneneinrichtung handelt. Doch auch historische Gebäude, in denen heute Kaufhäuser oder Arztpraxen untergebracht sind, haben leider eine moderne Inneneinrichtung bekommen – von Stuck keine Spur. Kritisiert wird zudem, dass sich hinter den Fassaden heute Hotels und Einkaufsläden befinden, während früher die Bürger dort wohnten. Allerdings wissen wir nicht, ob es nicht heute auch so gekommen wäre, wenn die Häuser im Krieg nicht zerstört worden wären. Auch ich bedaure diese Inkonsequenz und fände eine vollständige Rekonstruktion überzeugender. Doch sollen Rekonstruktionen in erster Linie dem Ort die verlorene Identität zurückgeben, während Nachbauten in Las Vegas zum Vergnügen entstehen. Die Dresdner Frauenkirche etwa entstand im typischen Dresdner Barock, sie wurde eines der Wahrzeichen Dresdens und konnte deshalb nur am Neumarkt in Dresden rekonstruiert werden. Ein Vergleich mit einem Disneyland ist vermessen.
Unsere Nachbarn in Polen sind Rekonstruktionen gegenüber nicht nur aufgeschlossener, sie werden dort auch zielstrebiger umgesetzt. Die Warschauer Altstadt wurde nach Originalplänen bis ins Detail rekonstruiert. Auch die Altstädte von Danzig oder Stettin wurden nach dem Krieg so aufgebaut, dass ein Laie kaum erkennt, dass es sich um Neubauten handelt.
Rekonstruktionen hätte man auch in Deutschland nach dem Krieg konsequenter umsetzen müssen. Auf die Menschen hätte eine Rekonstruktion damals weniger befremdlich gewirkt als heute, da sie mit den historischen Gebäuden aufgewachsen sind. In Münster ist es teilweise gelungen, auch hier erst auf Wunsch der Münsteraner. Überhaupt fällt auf, dass meist die Bewohner einer Stadt für Rekonstruktionen zu begeistern sind als die Stadtplaner und Politiker von Stadt und Gemeinde. So pervers es klingt, für Architekten und Stadtplaner war der Bombenkrieg die Chance, endlich die autogerechte Stadt zu entwerfen.
Wie eingangs erwähnt, freue ich mich über jede Rekonstruktion. Ich finde es richtig und nötig, dass zerstörte Bauwerke rekonstruiert werden, um den Gesamteindruck eines Ortes zu erhalten oder vielmehr aufzuwerten. So wurde etwa die Nordseite des Marktplatzes in Weimar im Krieg zerstört, in den 1980ern dann rekonstruiert, damit sich die neuen Häuser besser ins Gesamtbild fügen. Wie sähe es aus, wenn an ihrer Stelle heute gesichtslose Neubauten neben 500 Jahre alten Häusern stünden (wenn auch die Rekonstruktionen neu gebaut worden sind)? Bei Blechschäden am Auto versucht man schließlich auch, möglichst wieder den Originalzustand herzustellen.
Ich wünsche mir jedoch, dass Rekonstruktionen kompromissloser umgesetzt werden. Dazu gehört, dass man der Versuchung widersteht, moderne Bauwerke zwischen die rekonstruierten Häuser zu mauern, wie es bei der Bebauung des Dresdner Neumarkts geschehen ist. Dazu gehört auch die originalgetreue Fassade, dazu gehört auch die Inneneinrichtung, die nicht original sein muss, jedoch dem Stil und der Bauweise der Epoche entsprechen muss. Wichtig ist zudem die Verwendung des gleichen Baumaterials, also etwa Sandstein statt Stahlbeton.
Der Dichter Hermann Hesse war auch für Rekonstruktionen, er äußerte sich dazu wie folgt: „Soll man rekonstruieren? Ich muss die Frage rückhaltlos bejahen. Vielleicht ist die Zahl der
Menschen in Deutschland wie außerhalb heute noch nicht so sehr groß, welche
vorauszusehen vermögen, als welch vitaler Verlust, als welch trauriger
Krankheitsherd sich die Zerstörung der historischen Stätten erweisen wird. Es ist
damit nicht nur eine Menge hoher Werte an Tradition, an Schönheit, an Objekten der
Liebe und Pietät zerstört: Es ist auch die Seelenwelt dieser Nachkommen einer
Substanz beraubt, ohne welche der Mensch zwar zur Not leben, aber nur ein
hundertfach beschnittenes, verkümmertes Leben führen kann.“